Regina Wolf-Egger

Am Anfang war ...

…eine persönliche Krise. Ich hatte mit Müh und Not zwei Ganztagsplätze in einem Kindergarten für meine Kinder ergattert und wollte im Herbst 1995 nach einer fast fünf Jahre dauernden Kinderpause in meinen Beruf als AHS-Lehrerin für Englisch und Geschichte einsteigen. Immerhin befand ich mich schon seit vielen Jahren auf der Warteliste des Steiermärkischen Landesschulrats und hoffte nun endlich einen Job in einer Schule zu ergattern. Aber dann vereitelte das erste österreichische Sparpaket, das als solches bezeichnet wurde, meine Pläne. Also keine Chance für mich in der Schule Fuß zu fassen. Ich stürzte in eine persönliche Krise, denn nun hatte ich zwar meine Kinder in einem Kindergarten untergebracht, aber ich hatte keine Arbeit. Und Stellen für Akademikerinnen wie mich außerhalb des Schulbetriebs waren rar.

Just in diesem Moment, es war im Juli 1995, hörte ich, dass Stadt Graz, Arbeitsmarktservice und Volkshilfe Steiermark auf der Suche nach zwei Projektmanagerinnen waren, die eine Beratungsstelle aufbauen sollten. Nach dem Vorbild der Wiener Kinderdrehscheibe, die dort schon seit ein paar Jahren erfolgreich arbeitete, sollten Eltern und Erziehungsberechtigte über Kinderbetreuungsmöglichkeiten informiert werden.

Projektmanagement – yes, I can

… dachte ich. Denn ich hatte vor meiner Babypause bereits zwei erfolgreiche Projekte für das Arbeitsmarktservice, das damals noch Arbeitsmarktverwaltung hieß, und Land Steiermark abgewickelt. Und zwar angefangen von der Erstellung eines Projektkonzepts, der Aufstellung der Finanzierung bis zur Durchführung der Projekte inklusive Buchhaltung und Lohnverrechnung. Damals vor mehr als 30 Jahren waren das alles „hands-on“ Projekte, entstanden aus der Aktion 8000 der Arbeitsmarktverwaltung. Verglichen mit heutigen Aktionen war da vielleicht wenig Professionalität, dafür aber ungeheure Einsatzbereitschaft und Kreativität zu spüren.

Ich bewarb mich also für die Kinderdrehscheibe mit einem Projektkonzept und nahm am öffentlichen Hearing teil.

EDV-Kenntnisse

…glaubte ich zu haben, verfügte ich doch schon seit 1988 über einen PC, einen 286er Rechner mit einer Speicherkapazität von immerhin 16 MB, und einen Tintenstrahl-Drucker, der noch auf Endlospapier druckte. Allerdings hatte ich mit dem Programm Windows noch keinerlei Erfahrung gemacht.

Die Empfehlung meiner Schwester, meinen Umgang mit der Computermaus durch das Spielen des Kartenspiels Solitär zu üben, beherzigte ich, sodass ich diese so weit beherrschte, ein Projektkonzept in Word zu verfassen und rechtzeitig für das Hearing einreichen zu können.

Zusammen mit einer um sechs Jahre jüngeren Kollegin wurde ich ausgewählt, die Kinderdrehscheibe aufzubauen. Eva Fidlschuster hatte eben erst ihr Pädagogikstudium absolviert und nun zogen wir gemeinsam in einen Büroraum der Volkshilfe in der Sackstraße 20, um uns mit der neuen Aufgabe vertraut zu machen. Dort hatten vor etwas mehr als einem Jahr Franz Ferner und Barbara Gross das Ruder übernommen und stellten die Uhren auf Innovation und Veränderung. Die Kinderdrehscheibe wurde ein Teil davon.
Von September bis Dezember 1995 führten Eva Fidlschuster und ich die Vorbereitungsarbeiten durch, um pünktlich am 2. Jänner 1996, einem Dienstag, die Tore der Kinderdrehscheibe zu öffnen. 

Wachstum und Ausbau

Unser Optimismus bei der Eröffnung 1996 war nicht unbegründet. 1995 war Österreich der Europäischen Union beigetreten und das hieß auch, die Frauenbeschäftigungsquote in unserem Land durch den Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten und durch Information darüber anzuheben. Außerdem waren von der EU neue finanzielle Mittel bereitgestellt, durch die das Arbeitsmarktservice den Frauen einen beruflichen Wiedereinstieg erleichtern konnte. Und so wurde die Kinderdrehscheibe in der Anfangszeit auch zu 95% vom AMS finanziert, 5% der Budgetmittel kamen von der Stadt Graz

Wachstum und Ausbau

Unser Optimismus bei der Eröffnung 1996 war nicht unbegründet. 1995 war Österreich der Europäischen Union beigetreten und das hieß auch, die Frauenbeschäftigungsquote in unserem Land durch den Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten und durch Information darüber anzuheben. Außerdem waren von der EU neue finanzielle Mittel bereitgestellt, durch die das Arbeitsmarktservice den Frauen einen beruflichen Wiedereinstieg erleichtern konnte. Und so wurde die Kinderdrehscheibe in der Anfangszeit auch zu 95% vom AMS finanziert, 5% der Budgetmittel kamen von der Stadt Graz.

Die Zeichen der Zeit standen auf Wachstum und Ausbau, auch im Bereich Familien und Kinder. Jedoch war zu jener Zeit vor allem der Mangel an Plätzen für unter Dreijährige eklatant. In der Stadt Graz gab es nur zwei städtische Kinderkrippen und keine einzige private, in Graz Umgebung war überhaupt keine Krippe vorhanden. „Krippe“ hieß es damals übrigens noch nicht, der korrekte Ausdruck war „Krabbelstube“.
Nun schossen aber auch neue Initiativen aus dem Boden, private Kindergruppen, die in einem gesetzlichen Graubereich Unterdreijährige zusammen mit Kindern im Kindergartenalter betreuten. Und es wurden Pilotprojekte gefördert, wie das Kinderhaus, wo altersgruppenübergreifend ein Angebot für Kinder bis 12 Jahre bestand.
So kamen auch einige Jahre später zwei junge Pädagoginnen zu uns ins Büro, um sich bei der Gründung eines Kinderhauses in Gösting beraten zu lassen. Eine davon, Cordula Schlamadinger, ist heute die Leiterin der Kinderdrehscheibe. Auch die Beratung solcher neuer Initiativen gehörte in den Anfangsjahren zu den Aufgaben der Kinderdrehscheibe.

Alles veränderte sich, und am Ende des Jahres 1996 auch die Kinderdrehscheibe. Es war Zeit eigene Büroräumlichkeiten zu suchen, denn die Nachfrage nach unserem Angebot war groß. Wir konnten die Finanzierung für ein weiteres Jahr absichern und bald schon unsere Kund:innen in unseren eigenen Räumlichkeiten in der Brandhofgasse 13 willkommen heißen. Aber in der Eile hatten wir vergessen die Kosten für eine Reinigungskraft zu budgetieren und so putzten wir im Jahr 1997 unser Büro kurzerhand selbst.

Eine Datenbank

Mit einem Fragebogen hatten Eva Fidlschuster und ich im Herbst 1995 fast alle Kinderbildungs- und betreuungseinrichtungen in Graz und Umgebung besucht, um ihre Daten zu erheben. Der persönliche Kontakt war uns wichtig, wollten wir doch nicht nur einen Eindruck der Einrichtung gewinnen, sondern den Grundstein für eine gute Gesprächsbasis legen. Wir waren ziemlich optimistisch – um nicht zu sagen blauäugig – dass uns das gelingen würde. Aber womit wir nicht gerechnet hatten, war die Skepsis, ja sehr oft auch die Ablehnung, einiger Leiterinnen. Vor allem die Frage nach den pädagogischen Schwerpunkten stieß auf Widerstand, denn man hatte Angst, dass hier Einrichtungen gegeneinander ausgespielt würden. Es bedurfte der Vermittlung des Leiters der zuständigen Fachabteilung in der Steiermärkischen Landesregierung, Dr. Werner Emberger, um die Bedenken, wenn schon nicht ganz auszuräumen, so doch abzumildern.
Der Grundstein für die Beratung war nach diesen anfänglichen Schwierigkeiten mit einer Datenbank, in der alle Einrichtungen gespeichert waren, gelegt und wir planten auch bereits von Beginn an regelmäßige Aktualisierungen ein. Kurz bevor wir unseren Betrieb für die Kund:innen öffneten, musste aber auch noch eine weitere Mitarbeiterin gefunden werden, denn wir wollten vor allem auch für Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache ein Angebot haben. So stieß Ines Weinberger zu uns, die ein paar Jahre zuvor aufgrund des Bosnienkrieges ihre Heimat verlassen musste. Jahre später übernahm Ines Weinberger von mir die Leitung und führte die Kinderdrehscheibe erfolgreich weiter.
Nun waren wir also komplett: drei teilzeitbeschäftigte Frauen mit einer Riesenportion Zuversicht, ausgestattet mit zwei Computern und zwei Festnetztelefonen. Die Finanzierung war auf ein Jahr gesichert, wir hatten zwölf Monate uns zu bewähren. Und ich hatte einen Job!

Ein fröhliches Kindergesicht ...

…das war von Anfang an das Logo der Kinderdrehscheibe. Erfunden wurde es von einem Graphiker namens Winnie Dulsky in der Werbeagentur GMK und es ist bis heute als lachendes Gesicht der Kinderdrehscheibe bekannt. Es begleitet die Einrichtung durch dick und dünn und verliert auch in schwierigen Zeiten nicht seinen Humor.

Denn so wie in den Anfangsjahren, als die Finanzierung sich problemlos aufstellen ließ, blieb es später leider nicht. Die Anforderungen an die Kinderdrehscheibe und ihr Team wurden größer.  Es wurde schwieriger Finanzmittel zu lukrieren und so war Kreativität und Flexibilität nötig, um sich stets neu zu erfinden. Sei es durch eine Broschüre, die jährlich neu aufgelegt wurde, durch die „Zeitung für Eltern“, welche Möglichkeiten der Kooperation und Vernetzung bot, durch die beliebten Infotage in den Geschäftsstellen des AMS und bei der AK oder durch die Erweiterung unseres Informationsangebotes mittels eigener Homepage. Noch vor der Volkshilfe hatte die Kinderdrehscheibe nämlich bereits 1998 ihren eigenen Internetauftritt.

 

Europäischer Austausch

Zwei meiner Wünsche, die ich schon zu Beginn für die Kinderdrehscheibe hatte, erfüllten sich bereits in den Anfangsjahren: der erste war, unser Angebot auch auf die restliche Steiermark ausdehnen zu können, der zweite in einem transnationalen europäischen Projekt teilzunehmen und uns mit Einrichtungen aus anderen europäischen Ländern austauschen zu können. Der EU-Projektbereich florierte schließlich 2005 so erfolgreich, dass wir diesen Zweig von der Kinderdrehscheibe abkoppelten. Ich verließ die Kinderdrehscheibe, um innerhalb der Volkshilfe das Institut Connect für Forschung, Bildung und Entwicklung zu gründen.

Das Institut Connect ist mittlerweile so wie die „ursprüngliche“ Wiener Kinderdrehscheibe Geschichte.
Die Kinderdrehscheibe Steiermark aber gibt es noch immer und das schon seit 30 Jahren! Nicht zuletzt, weil sich die jeweiligen Leiterinnen und die Geschäftsführung der Volkshilfe stets mit großem Engagement für den Weiterbestand einsetzten.
Ich selbst habe nach meiner Tätigkeit in der Kinderdrehscheibe innerhalb der Volkshilfe viele andere Beschäftigungsmöglichkeiten gefunden, die meinen Fähigkeiten entsprachen und bin seit nunmehr 2022 in Pension. Immer aber denke ich mit großer Dankbarkeit an die Anfänge der Kinderdrehscheibe zurück. Denn durch sie hatte ich die Möglichkeit, eine sinnvolle Arbeit mit viel Gestaltungsmöglichkeit verbinden zu können.

Von ganzem Herzen wünsche ich der Kinderdrehscheibe alles Gute für die nächsten 30 Jahre!